• Christian Driesen
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Ein Pavillon ist von einem Monstrum angefüllt. Eine Kranke, die so dick ist, dass sie den ganzen Raum anfüllt. Ihre einzige Daseinsberechtigung ist essen, besser gesagt fressen. Sie liegt auf der Erde und nimmt täglich an Gewicht zu. Sie wird so dick werden, dass sie eines Tages die Mauern des Pavillons sprengen wird. Dann muss man sie in einen grösseren Pavillon einsperren. Von Zeit zu Zeit kommt eine brutale Krankenschwester und gibt diesem Ungeheuer Fusstritte in den mächtigen Bauch, dass es klatscht und das weisse Fleisch, dieser ungeheure Berg von Fleisch zittert. Diese Fußtritte erreichen nicht ihre Nerven und Muskeln, sie empfindet keine Schmerzen. Sie frisst, sie frisst. Sie macht schon seit langem kein Pipi mehr und hat keine Verdauung. Vielleicht sperrt man sie mit diesem Monstrum ein und macht die gleiche Fresskur mit ihr? Die gespannte, schmutzige Haut über ihrem mächtigen Bauch zerreisst und die Eingeweide werden sichtbar, in denen sich der Kot von Jahren in einer steinharten Masse angesammelt hat. Es beginnt zu stinken im Pavillon. Die brutale Krankenschwester versucht das dicke Monstrum mit einem scharfen Messer zu stechen und zu schneiden um es zu töten. Aber die Fettschicht ist so dick, dass sie keine empfindlichen Organe zerstören kann. Kein Tröpfchen Blut fliesst. Nur einige Tropfen von weissem flüssigen Fett, die aus den Stich- und Schnittwunden zur Erde fallen. Und sie, die Erzählerin sieht das alles mit an. Ihr wird übel und die erbricht sich. Man mästet sie nicht – im Gegenteil – als einzige Nahrung bekommt sie ungekochte Kartoffeln, an denen sie sich ihre Zähne ausbeisst. Das Monstrum aber ist unsterblich. In dem 2. Pavillon sprengt es die Mauern mit einer trägen Bewegung der Arme und Beine und bleibt auf der hartgewordenen Erde liegen. Es ist nackt. Die Krankenschwester hat das Kleid mit dem Messer zerschnitten und die Stoff-Fetzen fallen von diesem unglaublichen Körper herab. Zur gleichen Zeit, wo sie diese Halluzinationen hat, sieht sie das Monstrum im Anfang seines Zustandes: ein schon unmässig dickes Mädchen im hässlichen Kleid des Maison Blanche, das beladen mit Handtaschen mit dem Gang einer Ente von einem bequemen Sessel zum andern watschelt, wie eine Ente, wirklich! Bis sie sich endlich mit einem lauten »plumps« in einen tiefen Sessel fallen lässt. Sie öffnet alle ihre Handtaschen und wühlt in dem Inhalt herum. Es sind hauptsächlich ausgerissene Seiten aus illustrierten Zeitschriften darin und leere Schachteln von Zigaretten. Die Dicke nimmt ein Stück Papier in beide Hände und macht die Bewegung, als rolle sie Tabak in Zeitungspapier ein. Sie steckt die grosse, lächerlich grosse Rolle in den Mund und macht mit beiden Händen die Geste, als wolle sie einen Streichholz anzünden, den sie an die riesige falsche Zigarette hält. Sie pustet auf den eingebildeten brennenden Streichholz und legt ihn in einen Aschenbecher auf dem Tisch. Sie lehnt sich zurück, bricht in ein lautloses Lachen aus und atmet den eingebildeten Rauch tief in die Lungen ein. Die Andere – die Schreiberin dieser Zeilen hat Mitleid mit ihr und bietet ihr eine Zigarette an. Die Dicke gluckst vor Vergnügen und holt ein neues Paket Zigaretten aus einer ihrer Handtaschen, findet auch Streichhölzer und beginnt wirklich zu rauchen wobei sie vom Lachen geschüttelt wird. Dabei zieht sie ununterbrochen an ihrer Zigarette und pustet den Rauch aus dem Mund, ohne ihn bis in die Lungen einzuatmen. Die Zigarette ist im Nu beendet und sie zündet eine neue an. So sitzt sie lachend und rauchend dick und bleich in ihrem Sessel, bis das Paket leer ist. Dann rafft sie ihre unzähligen mit Papier und Zigarettenpackungen vollgestopften Handtaschen zusammen und verschwindet.

Unica Zürn. Aufzeichnungen

Unica Zürn Aufzeichnungen